Die Stärkung des Nervensystems durch Yoga-Praxis

Sprechen wir vom Nervensystem müssen wir unterscheiden zwischen dem Zentralen Nervensystem im Gehirn und Rückenmark, dem mit dem Denken und den Sinnesprozessen die bewussten Vorgänge zugeordnet sind und dem vegetativen Nervensystem, das die Atmung, den Blutdruck, die Verdauung und das Innere der Organe versorgt und das ohne bewusstes Zutun des Menschen funktioniert. Es lässt sich eine obere bewusste Nerven-Sinnes-Region von einer polar entgegengesetzten Stoffwechselregion mit einem unbewußten, untergründigen Willen trennen. Für eine Stärkung des Nervensystems ist es wichtig, dass der Mensch sich mit dem oberen Bereich mehr dem klaren Gedankenleben öffnet während der untere Bereich ruhig bleibt.

 

Interessant ist, dass bereits 1887 Professor Dr. E. Heinrich Kisch in einem Beitrag zur Neurasthenie die Nervenschwäche als eine vorherrschende Krankheit des 19. Jahrhunderts charakterisierte. (1)

Die Ursachen dafür sah er in den hohen Anforderungen an die Leistungskraft des Menschen, in der zunehmenden Hast der zu verrichtenden Arbeit, den intellektuellen Überforderungen der Jugend durch das Schulsystem und der allgemeinen Jagd nach Genüssen, die zu Überreizungen und Ermüdungen des Nervensystems führen. Die Symptome beschreibt er mit dem Auftreten von eigenartigen Schmerzen und körperlichen Erscheinungen sowie auch Angstgefühlen, Zwängen und Depressionen. 

Wieviel mehr hat sich das im 20. Jahrhundert noch gesteigert? Heute spricht man von Erschöpfung, Burnout, Aufmerksamkeitsdefizit, Angststörungen, Übersensibilität usw. und es gibt kaum jemanden der nicht davon betroffen ist.

 

Betrachtet man das heutige Alltags- und Berufsleben, so ist der Einzelne in seinem Wirkungsbereich sehr stark vorgegebenen Regeln unterstellt bei einem gleichzeitigen enormen Leistungsanspruch an seine Arbeitskraft. Die menschliche Kreativität, die eigene individuelle gestalterische Kapazität kann dabei kaum gelebt werden.  Hinzu kommen oftmals sehr belastende Verhaltensweisen in den Beziehungsverhältnissen an der Arbeitsstelle. Statt einem förderlichen, kollegialen gegenseitigen Zusammenwirken setzen sich vielfach auf den eigenen Vorteil bedachte Machtkämpfe durch, die das gesamte Arbeitsklima und die Position des Einzelnen sehr belasten. 

 

Diese Defizite erzeugen verständlicherweise den Wunsch nach Kompensation. Es werden kleine Nischen gesucht, wo man sich aus den täglichen Belastungen herausnehmen und sich einmal so richtig fallenlassen kann. Fatalerweise haben aber beide Polaritäten, sowohl die falsche Anforderung und Überforderung im Arbeitsleben als auch das Ausleben von Genüssen eine erschöpfende Wirkung auf das empfindsame Nervensystem. Welche Anforderungen wären nun stärkend und aufbauend?

 

Unser Leben vollzieht sich in ständigen Rhythmen und erhält dadurch eine günstige Ordnung. Ein einfaches Beispiel ist der Wechsel von Aktivität am Tag mit der Ruhe in der Nacht.  Tagsüber ist das Nervensystem vielen Einflüssen ausgesetzt und neigt daher zur Erschöpfung, während es sich in der nächtlichen Erholungsphase wieder regenerieren kann. Werden diese natürlichen Rhythmen gestört wie z.B. durch Schichtdienst und Nachtarbeit, erhöht sich das Risiko für Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, psychovegetative Beschwerden, innere Unruhe und Nervosität. (2) Es kann demnach gesagt werden, dass ein gesunder Rhythmus in der äußeren Lebensgestaltung eine harmonisierende Wirkung auf unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit hat. Dieser Rhythmus wird durch den Wechsel von Tag und Nacht gesteuert und steht demnach mit dem Kosmos in einer Verbindung.  

 

Betrachten wir den Kosmos so fällt auf, dass die Sterne und Planeten in einer ständigen Bewegung sind und diese Bewegungsabläufe einer genauen Ordnung und einem nachvollziehbaren Rhythmus unterliegen, die sich wiederholen und die auf der Erde auch wieder bestimmte Erscheinungen hervorbringen, nach denen wir unser Leben hier einrichten. Die Sonne bestimmt den Wechsel der Jahreszeiten und lässt unsere Nahrungsmittel heranreifen und der Mondenlauf steuert die Fliehkraft oder die Anziehungskraft des Wassers, die weiblichen Zyklen und das Pflanzenwachstum. 

 

Mit den Planeten ist ein harmonischer Rhythmus vorgegeben, aus dem sich Wirkungen für das Leben auf der Erde ablesen lassen und der eine natürliche Orientierung für gesundheitliche Bedingungen und Entwicklung gewährt.

Das Nervensystem benötigt ebenfalls eine rhythmische Anforderung. Wird beispielsweise das Denken durch stundenlange Arbeit am Computer überbeansprucht, entsteht automatisch das Bedürfnis nach körperlicher Bewegung und man geht vielleicht am Abend joggen. Die Bewusstseinskräfte des Denkens, Fühlens und des Willens wollen in sinnvoller Weise aktiv sein ohne sich einseitig zu verausgaben oder durch zu viele Gewohnheiten abzustumpfen. 

 

Wie kann nun der Yoga-Unterricht eine gesunde Bewusstseinsaktivität fördern und neue, heilsame Gewohnheiten anregen?

 

Mit einer rhythmisch gestalteten Übungspraxis wechselt sich eine eigenaktive Vorstellungstätigkeit mit einer nachfolgenden körperlichen Umsetzung harmonisch ab. 

 

Für die Ausführung des Halbmondes kann der Teilnehmer beispielsweise aufgefordert werden, sich die Bewegung nach oben, die im Sonnengeflecht beginnt und sich in den Brustkorb hinein ausdehnt, genau vorzustellen. Erst nachdem er dieses Bild erbaut hat, setzt er die Bewegung in den Körper hinein um.  


Die Vorstellungsbildung mit konkreten Gedanken findet außerhalb des Körpers statt.

Sie ist eine vom Körper freie und bewusste Denktätigkeit. 

In einem weiteren Schritt kann er lernen, nach der ausdehnenden Bewegung noch einmal ganz ruhig zu werden. Nach einer kurzen beobachtenden Phase leistet er einen weiteren gezielten Krafteinsatz und wächst erneut in die Brustwirbelsäule. 

 

Auf diese Weise wird das Denken des Übenden zu Vorstellungsbildern geschult und auch der Wille zur körperlichen Betätigung auf neue Weise angesprochen. Nicht direkt erfolgt diese Willensumsetzung sondern erst nach vorangegangener bewusst getätigter Gedanken-bildung. 


Dies ist deshalb erwähnenswert, weil in dieser Reihenfolge auch das Empfindungsleben des Übenden gefördert wird. Sowohl zum eigenen Körper als auch zur Übung entsteht eine feinere Empfindung. Auf diese Weise findet das Bewusstsein in seinen einzelnen Gliedern des Denkens, Fühlens und des Willens eine heilsame und differenzierte Anforderung und Erweiterung. Die vielen Einflüsse von außen, die beständig über das Nervensystem hereinwirken erhalten durch die eigenaktive und zentriert ausgerichtete Tätigkeit eine Zurückweisung.

 

Der Teilnehmer kann schließlich die Gesetzmäßigkeit des Rhythmus auch in sein Alltagsleben integrieren, indem er sich z.B. bereits am Morgen Vorstellungen bildet zu seinem Arbeitstag. Wie will er den Umgang mit den Kollegen, den Kunden, dem Chef gestalten? Welches Ergebnis soll herauskommen im besten Sinn? Er fällt dann während des Tages weniger in Gewohnheiten oder ist den vorherrschenden Stimmungen ausgeliefert, sondern bleibt wach und beobachtend nach außen und wird gezielt aus eigenen Entscheidungen heraus aktiv. Er nutzt sein kreatives Potenzial und erlebt sich gestaltend und schaffend durch die Ziele die er sich selbst setzt. So kann er unabhängig von äußeren Bedingungen dem Leben eine eigene innere Führung und einen progressiven Rhythmus geben, der stärkend auf das Nervensystem zurückwirkt. 

 

In einer Menschenkunde, die durch eine seelisch-geistige Sichtweise erweitert ist, wird das Nervensystem als in einer unmittelbaren Verbindung mit dem Makrokosmos stehend beschrieben. Der feinstoffliche Leib, der das Denken, das Fühlen und den Willen des Menschen umfasst, wird als „Astralleib“ bezeichnet und das Nervensystem als dessen physischer Träger dargestellt. (3)  Der Zusammenhang der Planeten mit der Konstitution des Menschen wird hier im Hinblick auf das Nervensystem sehr differenziert ausgearbeitet und gibt dem Yogalehrenden für seine direkte Arbeit mit den Menschen wertvolle Möglichkeiten zur Entwicklung eines ganzheitlichen Bewegungs- und Bewusstseinslebens. 

Die Gartenlaube, S. 10-12, Ernst Keils Verlag Leipzig

Gesellschaft für arbeits-, wirtschafts- und organisationspsychologische Forschung e.V., GAWO, Oldenburg

Kosmos und Mensch, Kap. Das Nervensystem, S. 141 ff., Heinz Grill