Die Balancehaltung und die Heiterkeit

Saumukhyāsana, die Stellung der Heiterkeit, ist durchaus anstrengend und erfordert ein Durchhaltevermögen. Im Nachhinein führt sie zu einer heiteren Freude.

Zunächst wird in einer balancierenden Stellung auf den Sitzhöckern der Rücken aufgerichtet.

Dann werden die Gliedmassen nach oben gestreckt. Die Beine können anfangs auch angewinkelt werden.


Die Stellung wird für eine vorgenommene Zeit gehalten. Zentral ist das Hochheben des Brustkorbes das aus der unteren Wirbelsäule aufsteigend impulsiert wird. Damit wird aktiv einem Zurücksinken des Rückens entgegengewirkt.

 

Bereits nach kurzer Zeit beginnt der ganze Körper zu zittern. Jetzt ist es wichtig, sich nicht daran zu stören, sondern sich unbeirrt auf die Brustwirbelsäule und deren Bewegungsrichtung nach vorne aufwärts auszurichten. 

 

Das Ergebnis ist eine heitere Stimmung. Der Übende kann sich entgegen der beachtlichen körperlichen Spannungen immer wieder gegen die herabziehenden Schweretendenzen aufrichten. Er unterliegt nicht den körperlichen, materiellen Bedingungen, den Labilitäten des Körpers und den Gefühlen, die ihm anhaften, sondern kann sich immer wieder nach vorne ausrichten. Wie von selbst stellt sich eine Stimmung der Heiterkeit ein.

Was ist Heiterkeit? Welche Substanz lebt in diesem Begriff?

Heiterkeit bezeichnet eine frohgemute, aufgeräumte, aufgelockerte Stimmung. Im Mittelhochdeutschen bedeutete Heiterkeit Klarheit. Das Antonym (Gegenbegriff) ist Schwermut.

Im Buddhismus wird Heiterkeit als ein Merkmal der Erleuchtung gesehen. Sie ist eine Folge des gelösten über den Dingen Stehens aus vollständiger Einsicht. (Quelle: Wikipedia)

 

Ist Heiterkeit das Ergebnis einer bestimmten Lebenshaltung? Einer Lebenshaltung , die aber nicht rein zufällig eintritt, sondern die errungen ist, die gedanklich aktiv herangebildet wurde.

Es muss ein größeres Weisheitswirken einbezogen werden, denn wie sonst könnte man Heiterkeit bewahren im Tumult des Lebens ohne sich über die Dinge zu stellen oder die Augen zu verschliessen vor den weniger schönen Früchten menschlichen Handelns?

 

Heiterkeit ist in dem Sinne keine Stimmung, die kommt und geht, sondern eine Haltung dem Leben gegenüber, die durch Mühe um Erkenntnis gewachsen ist. 

Wie erlangt man Heiterkeit?

Man könnte auch fragen: Mit welcher Wachheit, Präsenz, eigener Auseinandersetzung, klarer Gedankenbildung begegnet der Einzelne der Außenwelt?

 

In der folgenden Skizze bedeutet der Punkt in der Mitte das individuelle Selbstgefühl. Dieses bildet sich immer in Verbindung mit der Außenwelt, den verschiedenen Beziehungen in denen jemand steht, heran. Entsprechend wie die  Beziehungen gestaltet oder eben nicht gestaltet sind, formt sich rückwirkend diese Mitte im Sinne eines Selbstgefühls und einer psychischen Stabilität. 

Was wird ungesehen in einem Gespräch, einem Artikel den man liest, einer Bemerkung, die gemacht wird oder ganz generell in der Flut von Informationen, denen man heute ausgesetzt ist, transportiert? Bemerkt man es nicht und versäumt eine genauere Betrachtung der Ereignisse mit konkreten Gedanken, nehmen die ungesehenen Einflüsse wie z. B. Lügen und Manipulationen, Suggestionen einen ungebetenen Platz im eigenen unbewussten Anteil ein und machen sich mit aufsteigenden Ängsten und Unsicherheiten wieder bemerkbar.  Der Mensch ist dann in Gefahr, dass er sich von Emotionen zu unkontrollierten Handlungen hinreissen lässt. Er verliert die souveräne Führung über sich selbst und wird durch das Fremde, das unbemerkt in ihn hineingekommen ist, gesteuert. Ein schleichender innerer Lebensrückzug kann eintreten. Der Mensch verliert seine Bewusstseinskraft, sich mit der Außenwelt konfrontieren und angemessen handeln zu können.

 

Bleibt man aber in einer möglichst objektiven Wahrnehmung zu Ereignissen, Menschen und Situationen, indem man sich klare Gedanken dazu bildet und in einer guten beobachtenden, betrachtenden Haltung länger verweilt,  gelangt man leichter zu einer gedanklichen Beurteilung, die der Sache selbst entspricht. Es sind nicht die Fremdeinflüsse, die Emotionen und anschließende Aktionen verursachen. Der Mensch erlebt sich dann in seiner individuellen klaren Selbstkraft und kann sein eigenes Handeln aus einer eigenen Führung zielgerichtet bestimmen.

 

Diese Souveränität führt zu einer heiteren Lebensstimmung, denn der Einzelne läßt sich nicht durch Ereignisse des Zeitgeschehens und auch nicht durch bedrängende Lebenssituationen und unangenehme Körpergefühle aus der Bahn werfen. So wie sich der Übende in der Balancehaltung immer wieder entschieden mit der Brustwirbelsäule nach oben herausheben muss um nicht den muskulären Labilitäten des Körpers zu unterliegen, benötigt man im Leben auch immer wieder diese Entscheidung zu einer manchmal langwierigen Betrachtung und objektiven Anschauung gerade auch zu negativen Ereignissen um sich nicht irrtümlich den ersten oberflächlichen Eindrücken und Meinungen oder Aussagen anderer zu überlassen. Diese Kraft eines geordneten Bewusstseins durch eine klare, konkrete Gedankenführung erhält die Mitte des Menschen und wirkt bis in die körperliche Konstitution und Immunkraft stärkend.

 

Heiterkeit ist immer das Anzeichen von Freiheit

Friedrich Georg Jünger