Die Stärkung der Brustwirbelsäule

Bei den Yoga-Übungen kennt man verschiedene Bewegungsrichtungen der Wirbelsäule, die Vorwärtsdehnung, die Rückbeuge, die Seitwärtsflexion und die Drehung der Wirbelsäule. Jede dieser Bewegungsformen erfordert einen aktiven Einsatz der Brustwirbelsäule. Sie bildet den mittleren Teil der Wirbelsäule und verbindet den unteren Rücken mit dem Schulter-Nacken-Kopf-Bereich. Ist sie beweglich und geschmeidig gleicht sie harmonisch zwischen beiden Polen aus. 

Ist die Brustwirbelsäule in allen Teilen natürlich aufgerichtet entspannt sich der Schultergürtel und der Oberkörper wird fühlbar leichter, geschmeidiger und dynamischer erlebt. Er strebt ohne Anstrengung in die vertikale Linie nach oben und entlastet dadurch auch die unteren Wirbelsäulenabschnitte. Auch die Beine verlieren spürbar an Schwere und die gesamte Fortbewegung gestaltet sich leichter, schwereloser und anmutiger, jugendlicher.

 

Die Brustwirbelsäule gliedert sich wiederum in drei Bereiche, die für die Aufrichtung erwähnenswert sind. Parallel zu dieser körperlichen Differenzierung möchte ich auch die Bedeutung der Brustwirbelsäule für die Entwicklung des Seelenlebens darstellen. Entlang der Wirbelsäule sind im sog. Astralleib (1), einem feinstofflichen Leib, verschiedene cakra (1) lokalisiert. Die cakra können ausschließlich durch geeignete Bewusstseinsschritte entwickelt werden. Es ist der Fortschritt in der Entwicklung des Einzelnen, der in der Folge die Brustwirbelsäule für ihre eigenaktive, aufstrebende Aufrichtung freigibt und den gesamten Brustraum vor Erkrankungen schützt. Die vorgestellten Übungen geben Hinweise zu Aspekten des jeweiligen cakra. Indem diese Gedanken als Inhalte in der körperlichen Ausführung der Übung hinzugenommen werden, stellt sich ein feines Empfinden für die im eigenen Inneren verborgen liegenden Qualitäten des Seelenlebens ein. 

 

Am unteren Brustkorb befindet sich etwa eine Handbreite unterhalb des Brustbeins der plexus solaris, ein vegetatives Nervengeflecht, das autonom arbeitet und sowohl den davor liegenden Magen als auch den Darm durchdringt. Über den Magen findet hier das erste Stoffwechselgeschehen statt. Die aufgenommene Nahrung wird mit Salzsäure vermischt und hin- und herbewegt. Gelenkt durch den Plexus solaris findet eine periodische Erschlaffung und Anspannung der Magenmuskulatur statt. Das Enzym Pepsin spaltet das Eiweiß der aufgenommenen Nahrung auf. Stark zerkleinert kann der Nahrungsbrei die Magenpforte passieren und gelangt in den Dünndarm. Was über die Nahrungsaufnahme als Fremdes hereingenommen wird, erfährt hier eine erste Verstoffwechslung. Man kann sagen, die Zersetzung der Nahrung mit Hilfe der Salzsäure stellt eine große Willensleistung des vegetativen Nervensystems dar.

 

Auf der Rückseite liegt diese Stelle genau am Übergang zwischen Lendenwirbel- und Brustwirbelsäule. Der Sitz des manipūra-cakra wird ebenfalls dieser Region zugeordnet. Bei verschiedenen Yoga-Übungen wie trikonāsana, paśchimottānāsana oder halāsana schenkt dieses Zentrum eine große Stabilität und ist gleichzeitig Ausgangspunkt für eine weite Ausdehnung. 

Im Pflug strömt die Bewegung dynamisch aus ihrem Sammelpunkt im manipūra-cakra aus, hebt die Hüfte nach oben an und fließt dann in die kontrolliert nach hinten ausgleitenden Beine, bis diese den Boden berühren.
Im Pflug strömt die Bewegung dynamisch aus ihrem Sammelpunkt im manipūra-cakra aus, hebt die Hüfte nach oben an und fließt dann in die kontrolliert nach hinten ausgleitenden Beine, bis diese den Boden berühren.
Das Rad (cakrāsana) zeigt eine lang ausgedehnte und nach vorne in Richtung Brustkorb geschobene Brustwirbelsäule.
Das Rad (cakrāsana) zeigt eine lang ausgedehnte und nach vorne in Richtung Brustkorb geschobene Brustwirbelsäule.

In der Fachliteratur wird das manipūra-cakra mit einem geordneten Willen in Verbindung gebracht: „..Die Fähigkeit, den Willen zu gliedern, bedeutet gleichzeitig die Wünsche des persönlichen Lebens in eine klare Übereinstimmung mit den äußeren Verhältnissen und den Mitmenschen zu führen. ... Ab jenem Bewusstsein, ab dem die Willensimpulse und Wünsche in eine natürliche Ordnung mit dem äußeren Leben geführt werden, gewinnen sie eine schöne und konstruktive Formstruktur....“ (2)

 

Der Wille des Menschen ist in dieser Region angesprochen, der sich immer wieder zu nächsten Zukunftsvisionen aufrichtet und dabei aber den Blick auf die Umgebung bewahrt. 

 

Die Übungen, die durch dieses cakra betont sind, werden durch eine dynamische, eigenaktive Kraft aus dem Bereich des Sonnengeflechts geformt. Gleichzeitig bleibt das Bewusstsein wach nach außen gerichtet. Die Brustwirbelsäule wird aus diesem Zentrum heraus in eine große wachsende Ausdehnung geführt und dabei nach vorne geschoben. 

Bereits nach wenigen Flexionen entwickelt sich eine befreiende weite Atmung bis in die Flanken hinein. 


Der stehende Halbmond (candrāsana) wird in einer sorgfältigen Gliederung des Körpers ausgeführt:

Der Stand bleibt einschließlich der Lendenwirbelsäule stabil, während die

Brustwirbelsäule nach und nach in eine größere Ausdehnung geführt wird

und die Schulter-/Nackenregion leicht und entspannt bleibt.

Die Weite der Atmung lässt den Menschen förmlich aufatmen. Er hebt sich aus sich selbst heraus, aus den eigenen engen Gemütsstimmungen, und verbindet sich wieder intensiv mit der Leichtigkeit und Schwerelosigkeit des Luftelementes. Dieses Gefühl wird als sehr befreiend erlebt. Die weite Atmung geht mit einem flexiblen und angstfreien Bewusstsein einher. Dies bedeutet, dass sich der Mensch mit den Verhältnissen der Welt auseinandersetzen und durch eigenständig formulierte Ziele wachsende Perspektiven für die Zukunft erschaffen kann. Dadurch löst er sich aus der Überlagerung von Fremdeinflüssen und hoffnungslosen Stimmungen des eigenen Gemütes heraus. Er nimmt progressiv am Leben teil und gestaltet es in eine wünschenswerte Richtung mit.

In der Waage (tulādandāsana) spannt sich die Bewegung kraftvoll aus dem manipūra-cakra in der Horizontale aus.  Der Übende kann ein Zentrum in sich und eine Gliederung nach außen wahrnehmen.
In der Waage (tulādandāsana) spannt sich die Bewegung kraftvoll aus dem manipūra-cakra in der Horizontale aus. Der Übende kann ein Zentrum in sich und eine Gliederung nach außen wahrnehmen.

Die mittlere Brustwirbelsäule wird auf der Vorderseite durch die Herzregion gebildet, die auch dem anāhata cakra zugeordnet ist. Eine sanfte Aufrichtung in diesem Bereich gibt das Gefühl eines geraden Rückens und erhebt gleichzeitig den Kopf zu einer wacheren Aufmerksamkeit. Übungen, die diese Region ansprechen, sammeln die feineren Energien zu einer ruhigen und gleichzeitig wachen Mitte. Sie wirken von außen kommend und sich zu einer Mitte sammelnd zentripetal. 

 

Wir tragen in diesem Abschnitt zwei interessante Systeme, das Kreislaufsystem mit dem Herzen als Mitte und das Atemsystem mit der Lunge. Beide Organe befinden sich geschützt im Brustkorb. Beide Systeme hängen miteinander zusammen, der Lungenkreislauf und der Blutkreislauf. Das Herz bildet die Mitte und das Blut kehrt aus der äußersten Peripherie des Körpers, dem Kapillargebiet immer wieder zum Zentrum des Herzens zurück.

Eine weitere Besonderheit ist, dass wir mit diesem Kreislaufsystem auch nach außen verbunden sind. Wir nehmen ständig die Atemluft von außen aus einem großen Luftkreis auf und integrieren sie in unseren Körperkreislauf. Ein Leben lang findet diese Verbindung mit dem Außenraum, dem Luftraum im rhythmischen Wechsel zwischen Ein- und Ausatmung statt. 

Rudolf  Steiner benannte diesen mittleren Teil der mit der Brustwirbelsäule markiert ist auch die „rhythmische Mitte“. Er ordnete sie dem Gefühlsleben des Menschen zu, das mit den Kräften des Herzens einen Ausgleich zwischen der oberen wachen, bewussten Nerven-Sinnes-Region (dem denkenden Menschen) und den unteren unbewussten Stoffwechselregionen (dem Willen) herzustellen vermag. (3)

In tādāsana ist die Brustwirbelsäule sanft angehoben. Die Handhaltung vor dem Herzen drückt eine Zentrierung im Herzen aus. Der unsichere Stand auf einem Bein erfordert eine wache, bewusste Abstimmung mit dem äußeren Raum.
In tādāsana ist die Brustwirbelsäule sanft angehoben. Die Handhaltung vor dem Herzen drückt eine Zentrierung im Herzen aus. Der unsichere Stand auf einem Bein erfordert eine wache, bewusste Abstimmung mit dem äußeren Raum.
Der Impuls für die schwerelose Aufrichtung in den Schulterstand  (sārvangāsana) entspringt in der Brustwirbelsäule auf Herzhöhe und fließt über den entspannten Bauchraum in die Beine hinein. Kopf und Schultern ruhen entspannt am Boden.
Der Impuls für die schwerelose Aufrichtung in den Schulterstand (sārvangāsana) entspringt in der Brustwirbelsäule auf Herzhöhe und fließt über den entspannten Bauchraum in die Beine hinein. Kopf und Schultern ruhen entspannt am Boden.

Der obere Rand der Schulterblätter und somit der Übergang zur Halswirbelsäule markiert die obere Brustwirbelsäule. Es ist in etwa die Höhe der Schlüsselbeine auf der Vorderseite. In diesem Bereich der Wirbelsäule ist keine nennenswerte Ausdehnung möglich. Streckt man die Arme horizontal nach außen und dreht dann langsam die Handflächen nach oben, bemerkt man eine feine Aktivität in dieser Region. Die obere Brustwirbelsäule kann durch eine Neigung der Schultern leicht nach innen gekrümmt sein, was im Laufe der Zeit zu einer krummen Haltung und der Bildung eines sog. Buckels (posturale Kyphose) führen kann.

 

Sind die Schlüsselbeine leicht lateral ausgedehnt und die Schultern gelöst, kann der Atemstrom weit in den Lungenraum fließen. Durch diese Haltung bleibt der Mensch offen und sensibel wahrnehmend mit den Sinnen in der Außenwelt tätig. Er fällt nicht so leicht in die eigene Begrenztheit zurück. Durch die Offenheit nach außen löst er sich immer wieder leicht von alten Erfahrungen los und macht mutig neue Erfahrungen.

Der Fisch (matsyāsana) ist gekennzeichnet durch eine gezielte Anspannung zwischen den Schulterblättern und einem entspannten restlichen Körper, vor allem der Beine und des Schulter-Nackenbereiches. Weit spannt sich der Lungenraum auf, während der Kopf entspannt nach hinten bis in die Bodenberührung zurückfällt.

Der Fisch führt im Nachhinein zu einem angenehmen Erleben einer entspannten Bodennähe.

Der Körper überlässt sich ruhig der Bodenfläche, während im Bewusstsein ein neuer freier Raum entsteht.

Dieser Bereich ist dem viśuddha-cakra zugeordnet, das mit der Körperfreiheit in einer Beziehung steht. „Die Körperfreiheit bezieht sich aber auf die gelöste und freie Haltung des Bewusstseins, die sich in ihrem vorzüglichen Maß entfaltet, wenn der Übende seine Vorstellungen nach sachbezogenen und thematischen Beziehungen formen lernt und dabei seine subjektive Neigung zurückstellt. Die gute und richtige Vorstellungstätigkeit, die einen Aspekt des fünften Zentrums darstellt, orientiert sich nicht an den persönlichen Gefühlen und in keinster Weise an Emotionen, sie entwickelt sich vielmehr aus der Denktätigkeit selbst und diese wird unabhängig im freien Vollzug zu dem gewünschten Thema getätigt...“ (4)

 

Fazit:

Die Brustwirbelsäule lässt sich aus einer ganzheitlichen Sichtweise heraus nicht alleine durch körperliche Übungen mobilisieren. Eine bewegliche, aufgerichtete und gelöste Brustwirbelsäule benötigt die Entwicklung einer Bewusstseins-haltung, die sich an den folgenden Fragen orientieren kann:

  • Nach welchen Kriterien ordne ich meine persönlichen Beziehungen? 
  • Welche eigenen Ziele verfolge ich und wie fügen sie sich in die Bedürfnisse des Umfeldes ein?
  • Wie frei von eigenen und allgemeinen Meinungen, von ungesehenen Suggestionen, Manipulationen und Projektionen bilde ich mir zu Themen der Zeit, Situationen oder Mitmenschen klare, konkrete, sachliche und möglichst objektive Vorstellungen? 

 

Durch zunehmende Entwicklung eines frei verfügbaren Bewusstseins und eigenständig gestalteten Beziehungsverhältnissen gewinnt der Einzelne einen immer souveräneren Stand im Leben. Er kann sich aus einer weit angesetzten und angstfreien gedanklichen Beurteilung zu den Themen des Lebens und zu anderen Menschen authentische Gefühle erringen und aus diesen heraus seine Aktivitäten steuern. Diese Verlebendigung der Bewusstseinskräfte im Denken, Fühlen und im Willen bewirkt in der Folge eine ungezwungene, schwerelose und zentrierte Aufrichtung in der Brustwirbelsäule und stellt die beste Prophylaxe für Erkrankungen im Brustraum dar. 

 

Quellenangaben und Literaturhinweise:

(1) Der Astralleib umschließt als feinstofflicher Leib das Denken, die Gefühle und den Willen des Menschen. Er beinhaltet sowohl die Instinkte, Triebe und Begierden als auch alle bewusst gedachten Gedanken und Vorstellungen. Der Astralleib, (von griech. ástėr =  Stern) verbindet uns mit dem Kosmos. So stehen die 7 cakra unmittelbar mit den 7 Hauptplaneten in Beziehung. In diese Planetensphären geht der Mensch nach dem physischen Tod ein um seine individuelle Seele zu läutern. Einen ausführlichen Bericht stellt anthrowiki zur Verfügung.

(2) Heinz Grill, „Die Seelendimension des Yoga“, Kapitel „Das manipūra-cakra und das Luftelement“

(3) Weiterführende Gedanken und Übungen sind in dem Buch von Heinz Grill „Die Gesunderhaltung der Brustwirbelsäule“ beschrieben.

(4) Heinz Grill, „Die 7 Lebensjahrsiebte und die 7 Cakren“, Kapitel „Das fünfte Lebensjahrsiebt – viśuddha-cakra“

 

Foto Brustkorb und Brustwirbelsäule: eref.thieme.de

Asanafotos: Irene Fähndrich, Juliette Eichmann